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Der pakistanischen Architektin Yasmeen Lari geht es nicht um prestigeträchtige Bauten. Ihre Architektur ist für eine bessere und gerechtere Zukunft da, in der Menschen eigenverantwortlich und klimaneutral handeln können. Das vermittelt ihre Ausstellung im Wiener Architekturzentrum

Wir müssen alles neu denken, und wir müssen es jetzt tun



Yasmeen Laris Zero-Carbon-Architektur: flutresistente Häuser in Selbstbauweise in Sindh, Pakistan, seit 2010

Yasmeen Laris Zero-Carbon-Architektur: flutresistente Häuser in Selbstbauweise in Sindh, Pakistan, seit 2010

Sie ist über 80 Jahre alt, lebt und arbeitet in Pakistan und schafft „Architektur für die Zukunft“: Yasmeen Lari ist nicht nur die erste prominente Architektin ihres Landes, die mit monumentalen Firmengebäuden bekannt wurde, sondern hat vor allem durch ihre Arbeit in den überschwemmungsgefährdeten Dörfern ihrer Heimat gezeigt, wie sowohl Bildung als auch einfache gestalterische Eingriffe Gemeinschaften zu einem besseren Leben verhelfen können. Das Architekturzentrum Wien widmet ihr eine umfangreiche Ausstellung und präsentiert damit erstmals Yasmeen Laris Lebenswerk.


Die in neun Kapitel gegliederte Schau, die mit ihren auf Holzrahmen gespannten Leinentableaus auch ästhetisch an die nachhaltige Bauweise Laris anknüpft, führt durch einen Parcours, der das Schaffen der pakistanischen Architektin und ihr zentrales Anliegen dank zahlreicher persönlicher Statements differenziert dokumentiert. Anhand von Modellen, Interviews, Fotos und Zeichnungen vermitteln die drei Kuratorinnen Angela Fitz, Elke Krasny und Marvi Mazhar den Werdegang der Architektin, von den modernistischen Anfängen der 1960er Jahre bis hin zu ihren humanitären Projekten, die auf Dekolonialisierung und Dekarbonisierung beruhen.

Yasmeen Lari, die in Lahore als Tochter einer wohlhabenden Familie aufwuchs und in Oxford studierte, zählt zur ersten Generation postkolonialer Architekt*innen in Pakistan, das seit 1947 mit dem Ende der britischen Kolonialherrschaft und der Trennung von Indien als unabhängiges Land existiert. Für Laris Generation bedeutete Bauen Nationenbildung: neue Gebäude, Infrastrukturen, Nachbarschaften, ganze Städte wurden geplant und errichtet. Ihr eigenes Haus in Karatschi, das 1973 fertiggestellt wurde und in dem sie bis heute lebt und arbeitet, gilt als internationale Ikone des Brutalismus. 1975 entwarf sie mit dem Stadtviertel Angoori Bagh im Rahmen des People’s Housing Program in Lahore den ersten sozialen Wohnungsbau Pakistans mit fast 800 Wohneinheiten. Schon damals entwickelte Lari Herangehensweisen, die für ihr späteres Werk entscheidend werden sollten: die Schaffung öffentlicher Foren, den Fokus auf die Bedürfnisse von Frauen, die Verwendung lokaler Baumaterialien sowie ein klimabewusstes, ressourcenschonendes und kostengünstiges Bauen, das die Ausbildung ungelernter Arbeiter*innen in die Arbeitsprozesse einbezieht.

Bauen für die Reichen und die Armen: in den 1980er und 1990er Jahren realisierte Yasmeen Lari in Pakistans größter Stadt Karatschi prominente Großbauten wie die ABN Amro Bank oder das Finanz- und Handelszentrum FTC, den Hauptsitz der Pakistan State Oil, einen wuchtigen Betonbau mit einer gestaffelten Fassade aus miteinander verbundenen Blöcken. Auch bei diesen kommerziellen Bauten war es Laris Anliegen, der Stadtgesellschaft etwas zurückzugeben: mittels offener Plattformen und begrünter Atrien schuf sie großzügige Freiräume für die Nutzer*innen, die sie als die eigentlichen Kund*innen betrachtet, denen gegenüber Architektur Verantwortung hat.

Im Jahr 2000 beschloss Lari, der Repräsentationsarchitektur den Rücken zu kehren, und wandte sich zunächst der Theorie und der Forschung zu. „Es kam der Zeitpunkt“, erklärt sie rückblickend, „an dem ich dachte: Genug davon. Es war eine Phase des Verlernens. Ich musste meine Denkweise als Architektin in Pakistan ändern. Ich stamme aus einem Land, in dem die Armut sehr groß ist, also hatte ich das Gefühl, dass ich den Menschen, für die ich entwerfe, mehr Einfühlungsvermögen entgegenbringen muss.“ Dieser Ansatz spitzte sich zu, als Kaschmir 2005 von einem verheerenden Erdbeben erschüttert wurde, bei dem über 80.000 Menschen ums Leben kamen und mehr als 400.000 Familien vertrieben wurden.

Für Lari bedeutete die Naturkatastrophe einen Wendepunkt ihres bisherigen Schaffens. Er signalisierte eine sofortige Rückkehr zur beruflichen Praxis. Da sie weder über finanzielle Mittel noch über Arbeitskräfte verfügte, verließ sie sich auf die Hilfe lokaler und internationaler Freiwilliger, die sie nach traditionellen Grundsätzen ausbildete, um 40.000 Häuser sicherer wieder aufzubauen. Ihr System aus vorgefertigten Bambusbauteilen, die von jedem und mit vor Ort vorhandenen Materialien wie Lehm und Stroh selbstständig ergänzt werden können, versteht sie als bewusstes Gegenmodell zur schwerfälligen Nothilfearchitektur der internationalen Hilfsorganisationen, die, wie sie erklärt, eng mit der Bauindustrie verbunden sind. „Meine Projekte kommen zu 100 Prozent ohne Beton aus, denn sobald Zement mit im Spiel ist, ist man auf die Großindustrie angewiesen und in einer Preisspirale gefangen.“

Außerdem haben die Materialien hervorragende Eigenschaften: Bambus bindet CO2, während Kalk Kohlenstoff aus der Luft absorbiert. Wichtig ist Yasmeen Lari aber vor allem, dass diese kohlenstoffreduzierenden Strukturen von den Menschen gebaut werden, die von der Katastrophe betroffen waren. Wenn man ihnen vermittelt, wie sie ihre Situation selbst verbessern können, „bedeutet das, dass man sie in die Lage versetzt, auf eigenen Füßen zu stehen“, sagt Lari. „Wir müssen unser Wissen mit anderen Menschen teilen, um ihnen diesen Zugang zu ermöglichen“. Laris Konzept bildet die Grundlage ihrer Philosophie der Barefoot Architecture, die im Zentrum der humanitären Hilfsorganisation „Heritage Foundation of Pakistan“ steht und die sie zusammen mit ihrem Mann Suhail Zaheer Lari gegründet hat. Dabei geht es um die Idee, dass Architektur so wenig wie möglich die natürliche Lebensumgebung beeinträchtigen und für soziale und ökologische Gerechtigkeit in marginalisierten Gemeinschaften sorgen sollte.

Überschwemmungen in den Jahren 2010 und 2011 in der Provinz Sindh hatten zur Folge, dass abermals tausende Menschen vertrieben wurden und eine Unterkunft benötigten. Lari reagierte darauf mit dem gemeinsamen Bau von Gemeindezentren und Frauenunterkünften auf Stelzen, die aus Lehmwänden und starken Bambusdächern bestehen. Die Bauten überstanden einige Jahre später weitere Überschwemmungen und sind erdbebensicher, wie die Ausstellung anhand eines Videos dokumentiert. Auch bei der Flutkatastrophe im vergangenen Jahr, die dazu führte, dass ein Drittel des Landes unter Wasser stand und mehrere Millionen Menschen in Pakistan obdachlos wurden, war Lari sofort präsent: per täglicher Videobotschaft vermittelte sie konkrete Anleitungen an die Bevölkerung, wie sie sich eigenständig Schutzbauten errichten konnte.

2016 gründete sie das Zero Carbon Cultural Centre, ein Forschungs- und Entwicklungslabor für eine klimaschonende Bauwirtschaft und ein Ausbildungszentrum für die Bevölkerung. „Mein Motto ist ‚low cost, zero carbon, zero waste‘, aber ich möchte, dass es auch ‚zero cost‘ ist“, sagt Lari. „Wir müssen den Menschen helfen, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen. Fast 50 Prozent der pakistanischen Städte sind informelle Siedlungen. Das bedeutet, dass 100 Millionen Menschen unterhalb der Armutsgrenze leben. Daher bietet die Heritage Foundation den Dorfbewohnern neben der unmittelbaren Katastrophenhilfe Schulungsprogramme und Anleitungen zur Herstellung von Gebrauchsgegenständen. „Es geht um mehr als nur das Bauen“, erklärt die Architektin. Jedes Dorf kann verschiedene Produkte aus überwiegend organischen Materialien entwickeln, von Terrakotta-Pflastersteinen und Bambusmöbeln bis zu Seifen und glasierten Keramikfliesen. Vor Ort hergestellt und günstig verkauft, können sie dazu beitragen, die Lebensqualität der Menschen zu verbessern und ihnen etwas von ihrem Stolz und ihrem Selbstwertgefühl zurückzugeben.

Eines dieser einfachen, nützlichen Projekte ist das Chulah-Programm, in dem Frauen lernen, hygienische und rauchfreie Lehmöfen zu bauen. Die gemeinnützige Organisation World Habitat schätzt, dass in Teilen Pakistans vier von fünf Haushalten keinen Zugang zu sauberen sicheren Kochmöglichkeiten haben. Gekocht wird in der Regel auf Holzöfen mit offener Flamme auf dem Boden, die leicht verunreinigt werden und schwere Atemwegsinfektionen verursachen können. Um sich vor Überschwemmungen zu schützen und Krankheiten vorzubeugen, hatte Lari die Idee, die Herde auf Podesten zu umschließen und zu erhöhen, um die Zubereitung von Speisen sauberer und sicherer zu machen. Seit Beginn des Programms wurden mehr als 70.000 Chulahs gebaut. Das bedeutet, dass 500.000 Menschen davon profitieren. Jeder einzelne ist einzigartig und wurde von einer anderen Frau dekoriert. Es ist deren spezielles kleines Stück ‚Architektur‘. „Ich habe die Grundlage geschaffen“, erklärt Lari, „sie aber heben es auf eine andere Ebene… Die Dekoration bestärkt das Recht auf individuellen Ausdruck und verleiht Würde… Die Frauen kochen jetzt mit großem Selbstvertrauen. Sie sitzen auf ihrem Thron, wie sie es nennen. Diejenigen, die sonst auf sie herabblicken, zollen ihnen jetzt mehr Respekt – ihr Status hat sich verbessert.“ Es ist eine Initiative, auf die die Architektin besonders stolz ist, gerade weil sie deutlich macht, dass selbst die einfachsten gestalterischen Eingriffe einen weitreichenden sozialen Wandel bewirken können.

Die Wiener Schau ist sehenswert, nicht allein weil sie das Schaffen von Yasmeen Lari erstmal in einer Einzelausstellung umfassend vorführt, sondern weil sie den emphatischen Zugang der Architektin in den Fokus rückt. Yasmeen Lari versucht, die Menschen zur Mitarbeit zu motivieren, erst dann kommt ihr Knowhow zum Tragen. Ihre Arbeit ist auf Pakistan beschränkt. In den sogenannten Entwicklungsländern wirkt sich die Klimakrise am stärksten aus. Aber überall auf der Welt könnten Städte von Laris Initiative profitieren. Da 40 Prozent aller Kohlenstoffemissionen weltweit von der Bauindustrie verursacht werden, argumentiert die Architektin, dass dem Planeten noch mehr Schaden zugefügt wird, wenn sich die Bauweise nicht ändert. Daher vertritt sie die Meinung, dass sich die Architekturbranche im Allgemeinen an ihren Methoden und der Verwendung natürlicher Materialien orientieren könnte. Baustoffe wie Lehm kann jeder verwenden, zudem sind es Baustoffe, „aus denen keine korrupte Schattenwirtschaft entstehen kann“. Dabei geht es Lari nicht darum, traditionelle Bauweisen zu kopieren, sondern sie für das 21. Jahrhundert zu adaptieren. „Ich wurde wie alle Architekten zum Egoismus ausgebildet, aber ich konnte das Ego und die Kontrolle abgeben. Man kann so viel von anderen lernen, vor allem in der Zusammenarbeit mit Frauen… Wir müssen alles neu denken, und wir müssen es jetzt tun“.

Die Ausstellung „Yasmeen Lari. Architektur für die Zukunft“ ist bis zum 16. August zu sehen. Das Architekturzentrum Wien hat täglich von 10 bis 19 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt regulär 9 Euro, ermäßigt 7 Euro. Der englischsprachige Katalog mit bis dato unpubliziertem Foto- und Planmaterial kostet 38 Euro.

Kontakt:

Architekturzentrum Wien

Museumsplatz 1

AT-1070 Wien

Telefon:+43 (01) 522 31 15

Telefax:+43 (01) 522 31 17

E-Mail: office@azw.at

Startseite: www.azw.at



03.04.2023

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Jacqueline Rugo

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 1982-1989
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